Schweißscore beim Pferd: Wie viel Pferdeschweiß verliert dein Pferd wirklich?

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Ein verschwitztes Pferd nach der Arbeit – für die meisten von uns ein völlig normaler Anblick. Doch wie viel Pferdeschweiß dabei tatsächlich fließt, wird im Stallalltag oft unterschätzt. Mit dem Schweißscore kannst du genau das einschätzen: eine einfache Skala, die dir zeigt, wie viel Flüssigkeit und Elektrolyte dein Pferd verloren hat. Denn Schwitzen ist weit mehr als ein Zeichen von Anstrengung. Es ist ein komplexer Vorgang, der über Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden entscheidet.
Das Wichtigste auf einen Blick
1. Verlass dich nicht auf den Durst. Pferdeschweiß ist hyperton. Der Durstreiz bleibt aus, obwohl der Körper bereits Flüssigkeit braucht. Biete nach der Arbeit aktiv Wasser an, statt zu warten.
2. Nutze den Schweißscore direkt nach dem Abtrensen. Schau dir Sattelbereich, Hals, Flanken und die Innenschenkel an. Je nasser und schaumiger, desto höher der Score – und desto größer der Verlust.
3. Rechne mit Faustzahlen. Pro Liter Schweiß gehen rund 3,1 g Natrium und 5,5 g Chlorid verloren. Bei Score 3 (7–9 Liter) sind das schon über 20 g Natrium.
4. Schätze bei Hitze und Schwüle lieber höher. Verdunstet der Schweiß schnell, sieht das Pferd trockener aus, als es ist. Feuchte Luft verschleiert die Menge zusätzlich.
5. Halte einen Salzleckstein dauerhaft verfügbar. Und beobachte, ob dein Pferd ihn tatsächlich nutzt – viele Pferde tun das nicht in ausreichendem Maß.
Die Haut als Leistungsorgan
Dein Pferd reguliert seinen Wärmehaushalt ähnlich wie du. Anders als fast alle anderen Tierarten tut es das vor allem über zwei Wege: über Schweißbildung und -verdunstung sowie über die Erwärmung der Ausatemluft. Bei Bewegung entsteht enorm viel Körperwärme. Und die muss weg.
Damit wird die Haut zum Leistungsorgan. Funktioniert die Schweißkühlung nicht, kann dein Pferd keine Arbeit leisten. Wie viel es dabei schwitzt, hängt stark von den Umweltbedingungen ab. Temperatur, Luftfeuchte, Wind und Sonneneinstrahlung lassen die Schweißmenge erheblich schwanken.
Ein Beispiel: Dieselbe Dressureinheit kann an einem trockenen 18-Grad-Tag Score 1 bedeuten – und an einem schwülen 28-Grad-Tag Score 3. Das Pferd hat die gleiche Arbeit geleistet. Der Verlust ist ein völlig anderer.
Was im Pferdeschweiß alles steckt
Schweiß ist weit mehr als Wasser. Mit jedem Liter verliert dein Pferd vor allem Mineralstoffe – die Elektrolyte:
- Natrium und Chlorid in großen Mengen
- Kalium sowie kleinere Mengen Calcium und Magnesium
- Stickstoff über Eiweiß
- Spurenelemente wie Zink, Eisen, Kupfer und Selen
Die Hauptrolle spielen Natrium und Chlorid: rund 3,1 g Natrium und 5,5 g Chlorid pro Liter. Zum Vergleich: Beim Menschen liegt der Natriumgehalt im Schweiß deutlich niedriger. Pferde verlieren also pro Liter mehr Salz als wir.
Die Zusammensetzung des Pferdeschweißes ist gut untersucht. Grundlegende Arbeiten dazu finden sich unter anderem im Equine Veterinary Journal sowie in den Versorgungsempfehlungen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE).
Der weiße Schaum: Latherin
Ein Teil des Stickstoffs stammt aus einem besonderen Eiweiß namens Latherin. Es ist der Grund für den typischen weißen Schaum an Reibestellen wie Zügel, Gurt oder zwischen den Hinterbeinen.
Latherin wirkt wie ein natürliches Tensid – eine körpereigene Seife. Es sorgt dafür, dass sich der wässrige Schweiß über das eigentlich wasserabweisende Fell verteilt und überhaupt verdunsten kann. Ohne dieses Eiweiß würde der Schweiß abperlen und gar nicht kühlen.
Warum dein Pferd dehydrieren kann, ohne durstig zu sein
Hier liegt der entscheidende Punkt: Pferdeschweiß ist hyperton. Er enthält teilweise mehr Salz als das Blut. Dein Pferd verliert Wasser und Salz also in einem ähnlichen Verhältnis. Die Salzkonzentration im Blut steigt dadurch nicht an.
Und genau das ist das Problem. Der Durstreiz entsteht beim Pferd vor allem dann, wenn die Blutsalzkonzentration steigt. Bleibt sie gleich, bleibt auch der Durst aus – obwohl dem Körper längst Flüssigkeit fehlt.
Dein Pferd kann also dehydrieren, ohne durstig zu sein. Deshalb reicht es nicht, sich auf das Trinkverhalten zu verlassen.
Verschärft wird das durch einen zweiten Mechanismus. Selbst bei ungenügender Zufuhr von Wasser oder Elektrolyten bleibt die Schweißproduktion unter Belastung unverändert. Das geht zu Lasten des körpereigenen Bestandes. Der Körper kühlt weiter, auch wenn er sich damit selbst schadet.
Der Grund: Kühlen hat oberste Priorität. Überhitzung wäre akut lebensbedrohlich. Das erklärt, warum ein Pferd bei Hitze und schlechter Versorgung regelrecht in ein Defizit hineinlaufen kann.
Wie viel Pferdeschweiß geht überhaupt verloren?
In Studien hat man Pferde vor und nach der Belastung gewogen. Die Gewichtsdifferenz entspricht im Wesentlichen dem Flüssigkeitsverlust über den Schweiß. So kommt man auf belastbare Zahlen.
Und die sind beachtlich. Bei mittlerer Leistung kann ein 600-kg-Pferd mehrere Liter pro Stunde verlieren. Bei Hitze und hoher Luftfeuchte sogar zweistellig.
Die GfE gibt dafür Richtwerte an: eine Litermenge je 100 kg Körpermasse bei einer bestimmten Belastungsstufe. Damit lässt sich der Verlust rechnerisch abschätzen, wenn du es ganz genau wissen willst.
Für den Stallalltag ist das allerdings umständlich. Du müsstest dein Pferd vor und nach jeder Einheit wiegen. Deshalb gibt es eine praktikablere Lösung.
Der Schweißscore: deine Alltagsorientierung
Der Schweißscore ist eine Schätzskala. Sie übersetzt sichtbaren Schweiß in Litermengen. Du schaust dir an, wie nass welche Körperstellen sind und ob sich Schaum bildet. Von „nur klebrig und dunkel" bis „das Pferd tropft" lässt sich der Verlust grob einordnen.
Das ist keine Laborgenauigkeit. Aber es ist eine richtig gute Alltagsorientierung – und deutlich besser als raten.
So gehst du beim Schweißscore vor:
- Beurteile direkt nach der Arbeit, bevor du abspritzt oder trockenreitest.
- Prüfe systematisch: Sattelbereich, Hals, Flanken, Kehle, Innenschenkel.
- Achte auf Schaum an Reibestellen – er zeigt eine höhere Intensität an.
- Berücksichtige das Wetter und schätze im Zweifel höher.
Der Schweißscore im Überblick
Orientierungswerte für ein Pferd von ca. 500–600 kg:
| Score | Sichtbare Merkmale | Verlust |
|---|---|---|
| 1 | Sattelbereich teils trocken, teils dunkel, klebrig-feucht; Halsbereich klebrig; Flanken dunkler als normal | 1–4 l (0,2 - 0,7 % KM) |
| 2 | Sattelbereich und Hals deutlich nass; kleine weiße Schaumränder an den Schabrackenrändern; leichte Schaumbildung an Reibestellen (Hals, Zügel, Innenschenkel) | >4–7 l (>0,7–1,2 % KM) |
| 3 | Deutlich feuchter Abdruck an der Trense, häufig mit Schaum; Flanken klar nass; Sattel- und Gurtbereich durchgehend nass | >7–9 l (>1,2–1,5 % KM) |
| 4 | Kehle und Flanken komplett nass; über den Augen feucht mit dunklen Falten; ausgeprägte Schaumbildung zwischen den Hinterbeinen | >9–12 l (1,5–2,0 % KM) |
| 5 | Alle Merkmale von Score 4; Pferd tropft sichtbar über den Augen und unter dem Bauch | >12–18 l (>2–3 % KM) |
KM = Körpermasse. Hohe Außentemperatur und Luftfeuchte können starke Schweißbildung optisch verschleiern. Im Zweifel höher einschätzen.
Meyer, H. & Coenen, M. (2014): Pferdefütterung. 5., vollständig überarbeitete Auflage. Enke Verlag, Stuttgart, S. 32.
Was der Schweißscore für die Fütterung bedeutet
Sobald du den Score kennst, kannst du rechnen. Ein Beispiel:
Dein Pferd wiegt 550 kg und kommt nach einem Geländetraining im Sommer bei Score 3 heraus. Das sind rund 8 Liter Schweiß – und damit etwa 25 g Natrium und 44 g Chlorid. Zum Einordnen: Ein durchschnittliches Warmblut hat einen Erhaltungsbedarf, der deutlich darunter liegt.
Genau hier zeigt sich, warum ein einzelner Salzleckstein an heißen Tagen oft nicht ausreicht. Viele Pferde nutzen ihn ohnehin nur sporadisch. Beobachte über ein paar Wochen, ob dein Leckstein überhaupt kleiner wird. Falls nicht, weißt du, dass dein Pferd seine Verluste darüber nicht ausgleicht.
Bei regelmäßig hohen Schweißscores lohnt es sich, die Versorgung mit einem Experten zu besprechen.
Häufige Fragen zum Pferdeschweiß
Mein Pferd schwitzt kaum – ist das gut?
Nicht unbedingt. Manche Pferde schwitzen bei gleicher Arbeit weniger, weil sie besser trainiert sind. Fällt die Schweißbildung aber deutlich und dauerhaft ab, obwohl das Pferd sichtbar angestrengt ist, gehört das tierärztlich abgeklärt.
Ist weißer Schaum ein schlechtes Zeichen?
Nein. Der Schaum entsteht durch Latherin und zeigt, dass die Kühlung funktioniert. Er sagt allerdings etwas über die Intensität aus – viel Schaum bedeutet meist einen höheren Schweißscore.
Warum trinkt mein Pferd nach der Arbeit so wenig?
Weil der hypertone Pferdeschweiß den Durstreiz nicht auslöst. Biete Wasser trotzdem konsequent an, auch mehrfach.
Fazit
Schwitzen ist beim Pferd kein Nebeneffekt, sondern eine Überlebensfunktion. Sie hat aber ihren Preis. Wer weiß, wie viel Pferdeschweiß verloren geht, kann gezielt gegensteuern – statt auf den Durst des Pferdes zu warten.
